Leseprobe Shadow Dragon. Der dunkle Thron

Während wir weiterkletterten, beschwerte sich Jao weiter leise über die Unangemessenheit des Drachenhortes. Der Dreiviertelmond beleuchtete den Pfad bis zu einer Stelle, an der er zu einem kleinen runden Loch in der Felswand führte. Vom Hof aus hatte es ausgesehen wie eines der Fenster, doch als wir näher kamen, stellte ich fest, dass es eigentlich eine Tür war. Zumindest war es einmal eine Tür gewesen. Das Holz war zum größten Teil verrottet und umgab die Öffnung wie schartige Zähne, und der eiserne Griff lag im Geröll neben dem Pfad. Doch der Weg war frei genug, dass wir hindurchschlüpfen konnten.
Das erste Stockwerk – das früher einmal die Eingangshalle gewesen sein musste – war eine riesige, hallende Höhle. Im Licht des Mondes und dem schwachen Schein der Laterne irgendwo über uns konnte ich nur wenige Einzelheiten erkennen. Die Wände waren mit Fresken bemalt, deren Farben ich nicht erkennen konnte und die Szenen mit Drachen, Kriegern und Göttern zeigten. Als ich die Wand neben mir berührte, spürte ich, wie die alte Farbe abblätterte. Ich strich über die Säulen und folgte mit den Fingerspitzen den Vertiefungen und Wirbelmustern, die in den Stein gehauen waren. Trotz der Dunkelheit, trotz des Staubes und des hohen Alters war dieses Gebäude beeindruckend. Allein an den Säulen mussten die Erbauer monatelang gearbeitet haben. Ich fragte mich, warum man die alte Festung aufgegeben und einen neuen königlichen Palast errichtet hatte.
Akara stieß mich mit dem Ellbogen an und deutete auf eine Treppe auf der anderen Seite der Halle. Ganz oben sahen wir das flackernde Licht der Laterne. Ich nickte. Als wir gemeinsam die Treppe hinaufschlichen, schnürte sich mir die Kehle zu.
Sobald wir die Köpfe in das nächste Stockwerk steckten und sich unsere Augen auf gleicher Höhe mit dem Boden des zweiten Stocks befanden, erstarrten wir. Der ganze Raum war voller schlafender Drachen.
Im Dunkeln wirkten ihre liegenden Körper selbst wie Gebirge – wie Haufen aus Granit, wie Überreste einer Lawine. Akara packte mich mit der Kraft eines Schraubstocks am Arm. Die Augen der Drachen waren alle offen und leuchteten im Dunkeln wie goldene Kugeln. Mit angehaltenem Atem wartete ich darauf, dass sich die Tiere wie eines erhoben und sich auf uns stürzten, bis ich erkannte, dass die Drachen von Shi mit offenen Augen schliefen.
Entsetzt und fasziniert zugleich sah ich, wie sich der Drache neben uns im Schlaf bewegte. Schwere Krallen scharrten über den Boden, offenbar jagte er im Traum irgendeiner Beute hinterher. Dabei stieß er katzenartige, miauende Töne aus. Ich blieb stocksteif stehen, während der Drache ein paar schreckliche Sekunden lang mit seinem Traum kämpfte. Dann beruhigte er sich wieder und stieß einen tiefen Seufzer aus, der meine Haare wehen ließ.
Trotz der Wärme des Drachenatems wurde mir kalt. Ich wandte mich an die anderen, suchte nach den Onna-Bugeisha-Novizinnen und bedeutete ihnen, im unteren Geschoss zu warten. Jun machte den Mund auf, um zu widersprechen, doch Aiko schoss ihr einen warnenden Blick zu, der durchdringender war als der Blick jedes Bergdrachen. Auch ich sah sie finster an und versuchte ihnen so deutlich wie möglich zu machen, dass sie nicht weiter in den Drachenhort eindringen durften. Enttäuscht gingen die Mädchen die Treppe wieder hinunter und verschwanden in der unteren Halle.
Jetzt waren wir nur noch zu fünft am oberen Ende der Treppe: ich, Akara, Aiko, Jao und Sang.
Vorsichtig ging ich die Treppe hinauf in den Raum mit den Drachen. Hier schien es sich um die frühere Festhalle zu handeln. Sie war lang und schmal und hatte eine gewölbte Decke und einen Steinfußboden.
Behutsam schlichen wir zwischen den schlafenden Drachen hindurch und stiegen sorgfältig über Klauen und Schwänze hinweg, um nicht darüber zu stolpern. Wir wagten kaum zu atmen.
Die Laterne leuchtete schwach zu unserer Rechten und warf gespenstische Schatten auf die Gebirge der schlafenden Ungeheuer und den Efeu, der sich über die verfallenen Wände zog. Ich konnte nicht erkennen, wo sie genau stand, vermutete aber, dass sie sich in einem verborgenen Raum befinden musste.
Schließlich näherten wir uns der Lichtquelle. Es war eine Zelle – eine Gefängniszelle, neuer und sauberer als der Rest der verfallenen Festung. Die Angeln an der verriegelten Eisentür waren frisch geölt.
Im Inneren der Zelle befanden sich drei schmale Betten, und darauf lagen drei Menschen frierend unter dünnen Decken.
Mir blieb fast das Herz stehen. Ich schlich mich vor, stieg über einen Drachenschwanz und presste das Gesicht an die Gitterstäbe.
»Prinzessin!«, flüsterte ich.
Eigentlich hatte ich gar nichts sagen wollen, aber das Wort war meinen Lippen entschlüpft, bevor ich es verhindern konnte. Auch wenn ihr Gesicht schmutzig war und beide Wangen blutige Kratzer aufwiesen, würde ich die Prinzessin doch überall erkennen.
Erleichtert atmete ich auf. Neben mir deutete Akara auf die beiden anderen Gestalten auf den Betten. Schweigend nahm er eine Münze aus den Falten seiner Tunika und hielt sie im Licht der Laterne hoch. Es war eine der Doubletten mit dem Bild des Königs und der Königin von Shi. Ich warf einen Blick auf die Münze und dann auf die beiden Gestalten auf den Betten.
Die Herrscher von Shi waren keineswegs krank, sondern im Gefängnis. Und zwar in dem wahrscheinlich effektivsten Gefängnis, das ich je gesehen hatte, denn es wurde von Dutzenden von Drachen bewacht.
Akara zeigte auf das Schloss an der Tür.
»Wie …«, begann er.
Ich wickelte das Schloss in meinen Mantel, um das Geräusch zu dämpfen, zog mein Schwert und hieb den Knauf auf das Schloss. Nach ein, zwei, drei Schlägen brach es. Mein Herz schlug wie eine Trommel, als ich die anderen in die Zelle schob und die Tür hinter uns schloss. Dann sah ich zwischen den Gitterstäben hinaus, um zu sehen, ob sich die Drachen gerührt hatten.
Eine der Bestien knurrte und bewegte sich, ein anderer Drache hob kurz den Kopf. Erstarrt hielt ich den Atem an, als das goldene Auge mich direkt anstarrte. Drei Herzschläge lang starrte ich den Drachen an. Er starrte zurück … dann ließ er den Kopf mit dumpfem Schlag wieder auf den Boden fallen.
Ich stieß die Luft aus und wandte mich an die anderen. Sie waren blass und verschwitzt. Doch ich sah mich gleich nach dem schmutzigen, blutverschmierten Gesicht des Mädchens um, das auf dem Bett saß. Mit ihren großen dunklen Augen sah sie mich an, den Mund leicht geöffnet.
»Prinzessin«, flüsterte ich, »wir sind gekommen, um Euch zu befreien.«
»Ich weiß«, hauchte sie und lächelte erleichtert. »Der Göttin sei Dank.«

Der König und die Königin waren zwar nicht so krank, wie die Dienerin in der Halle es uns gesagt hatte, aber die Wochen im Gefängnis hatten ihren Tribut von den beiden Herrschern gefordert. Als wir sie endlich hatten wecken können, schienen sie desorientiert, blickten wirr um sich, und auf ihrer Stirn stand kalter Schweiß.
»Wer seid ihr?«, flüsterte der König von Shi. Er schien Schmerzen zu haben.
Ich wusste nicht, wie ich ihm das so schnell erklären konnte, doch Akara kam mir zu Hilfe.
»Wir sind hier, um Euch zu helfen, Eure Majestät. Wir bringen Euch hier fort.«
Benommen sah der König von mir zu Akara. Ohne hinzusehen, griff er so fest, wie es seine schwachen Finger vermochten, nach dem Arm seiner Frau.
»Gut«, sagte er. »Was sollen wir tun?«
So leise wie möglich schlüpften wir aus der Zelle. Ich zeigte ihnen den einfachsten Weg durch das Wirrwarr von Drachen und ließ den König und die Königin vor mir hergehen. Hinter mir kam Noriko, die sich mit ihrer kleinen Hand an meiner Tunika festhielt. Danach kamen Akara, Jao, Aiko und zum Schluss Sang.
Jedes Rascheln unserer Kleider tönte laut in meinen Ohren, und das Tappen unserer weichen Stiefel auf dem steinernen Boden hämmerte wie Pferdehufe. Ich achtete auf jeden Schritt und Fehltritt, weil ich befürchtete, dass das kleinste Knirschen von Steinchen unter unseren Füßen die schlafenden Bestien wecken würde.