Leseprobe Shadow Dragon. Die falsche Prinzessin

„Willst du den Shadow Dragon kennenlernen?“, fragte er.

Mir blieb fast das Herz stehen. „Was? Im Ernst?“

„Ja, im Ernst“, lachte er. „Vor der Krönungszeremonie lassen wir den Drachen ruhen. Meine Arbeit ist fertig – ich habe den Tag frei. Und da habe ich an dich gedacht.“

„Aber …“ Meine Gedanken flogen durcheinander. Dieses Wesen bedeutete alles für das Imperium. Es war das Symbol für die Einheit, Magie und Macht, die die vier Königreiche miteinander verbanden. Er wurde sein ganzes Leben lang von derselben Familie gepflegt. In meiner Vorstellung war der Shadow Dragon für mich mindestens genauso verboten wie eine Heirat mit dem Kaiser.

Heißes Verlangen stieg in mir auf. Plötzlich stellte ich fest, dass ich nichts lieber wollte, als mit ihm zu gehen. Ich wollte beim Drachen sein. Und bei Jao.

„Aber … darf ich das? Das kann doch nicht erlaubt sein!“

„Ich bin der Hüter des Großen Drachen“, erklärte Jao. Seine Augen sahen mich intensiv und ernst an. „Ich sage, wer das darf.“ Er streckte mir die Hand hin und forderte mich auf, sie zu ergreifen. Mein Puls begann zu galoppieren.

Ja, sagte die kleine Kai. Sag Ja.

„Nun, ich … ich kann nicht so einfach gehen … ich habe Pflichten. Ich muss bald zurück sein …“

Sag Ja. Bitte sag Ja …

„Bitte sag Ja!“, bat Jao leise.

Ich begann zu lächeln.

„Es wird auch nicht lange dauern“, versprach Jao. „Und der Drachenhort ist nicht weit. Bitte. Ich habe das Gefühl, dass du ihn besonders gut verstehen wirst.“

„Warum?“

Jaos Blick war durchdringend und sanft zugleich, fast kühn und standhaft wie die Sonne. Ein leises Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich glaube, ihr beide seid aus der gleichen Magie geschaffen.“

Verdammt soll er sein, dachte ich, während mich ein elektrisierendes Kribbeln überkam. Verdammt seien er und seine süßen, poetischen Worte.

„Ja“, sagte ich schließlich atemlos. „Ja, ich würde den Shadow Dragon gerne kennenlernen.“

„Gut“, sagte er und griff nach meiner Hand. Ich blinzelte sie einen Augenblick an – wie sich seine Finger um meine legten – und langsam kam mir eine erstaunliche Erkenntnis.

Er hält Kais Hand, dachte ich. Nicht Norikos. Und die Erkenntnis dieser Kleinigkeit verlieh mir Flügel. Ich lachte, während mich eine heitere Leichtigkeit erfüllte. Ich hüpfte fast mit ihm aus dem Hof.

Jao führte mich an der Innenseite der Stadtmauer entlang. Die äußeren Gebäude waren kleiner als die, die sich an den Palast drängten. Hier sah ich hauptsächlich Wohnhäuser – die Heime der wichtigen Palastdiener – und Läden, die dem kaiserlichen Hof dienten. Es war noch so früh, dass die Händler gerade erst ihre Türen öffneten, und unsere Stiefel hallten laut in den leeren Straßen.

„Ich weiß nicht, wo der Shadow Dragon untergebracht ist. Ist es weit?“, wollte ich wissen.

„Sein Stall ist auf der Westseite der Stadt – kaum eine Meile.“ Er verzog die Lippen. „Um ehrlich zu sein, mache ich einen Umweg. Ich möchte dich noch ein wenig länger halten.“

Ich antwortete nicht, weil ich wusste, dass er das Lächeln in meiner Stimme hören würde.

Endlich bogen wir um die letzte Ecke. Vor uns lag ein Gebäude, fast so groß wie der Palast selbst, mit einer hohen, goldgetäfelten Kuppel. Die Tore waren fast genauso hoch und aus einem Holz, das die Farbe getrockneten Blutes hatte. Der Geruch, der aus dem Gebäude drang, war würzig, scharf und süßlich. Ich musste nach Luft schnappen.

Jao sah mich an und bemerkte meinen ehrfürchtigen Gesichtsausdruck.

„Bist du aufgeregt? Bist du nervös? Du musst nicht nervös sein“, sagte er.

Ich war sehr nervös. Und er klang auch nervös – wie ein Künstler, der gleich sein Werk enthüllte, oder wie ein kleiner Junge, der im Begriff war, ein wichtiges Geheimnis mit jemandem zu teilen. Er hielt meine Hand immer noch fest, und seine Handfläche fühlte sich so warm an, als würde er am ganzen Körper rot werden.

„Du verneigst dich wie vor einem Mitglied der königlichen Familie“, sagte Jao. „Sei höflich. Rede nicht. Das wirst du nicht müssen.“ Er holte tief Luft, schaffte es, noch breiter zu grinsen, und stieß die Tür auf.

Ich hatte einen Pferdestall erwartet. Ich hatte Heu und Tierdung erwartet.

Stattdessen erblickte ich einen riesigen Raum, der das ganze Gebäude einnahm. Die Einrichtung erinnerte an einen Wald in der Dämmerung: ein weicher grüner Teppich, Holzpaneele und eine hohe blaue Decke mit aufgemalten Sternen. Alles roch nach süßen Gewürzen und Kohle.

Das Atmen fiel mir plötzlich schwer. Meine Lungen sogen gierig nach Luft, doch der Sauerstoffgehalt war niedrig und die Luft schwer und brennend. Wenn ich blinzelte, tauchten vor meinen Augenlidern bunte Sternchen auf.

Der Shadow Dragon stand mitten im Raum, als hätte er uns erwartet. Jao hätte mich nicht warnen müssen, nicht zu sprechen. Ich konnte nicht sprechen, selbst wenn ich es gewollt hätte. Der Shadow Dragon füllte den ganzen Raum, seine Flügel entfalteten sich und scharrten an der Wand des Stalls entlang. Die Hörner auf seinem schmalen, spitz zulaufenden Kopf stießen fast an den falschen Himmel. Sein peitschenartiger Schwanz schlang sich um seine Vorderbeine wie bei einer Katze. Er faltete die riesigen Flügel, die zweimal so lang waren wie sein Körper, und legte sie in die Vertiefungen auf seinem Rücken. Im Licht funkelten seine Schuppen in allen Regenbogenfarben. Er war ruhig und reglos, doch schien es, als zöge eine endlose Kaskade von Funken über seine Haut. Sein Atem und sein Herzschlag dröhnten in der Halle wie ferner Donner.

An dieses Geräusch erinnerte ich mich. In meiner Erinnerung erklang es so laut, dass es mir wie ein Schlag ins Gesicht vorkam. Das war in meinem Traum gewesen – im ersten Teil, bevor Enlai aufgetaucht war. Es war die lebende Uhr gewesen, das Tick, Tick, Tick, das zu einem Bumm, Bumm, Bumm wurde, je näher ich kam.

Jao verbeugte sich vor dem Drachen. Stolpernd und atemlos folgte ich seinem Beispiel.

Der Kopf des Drachen senkte sich schlangengleich immer tiefer von ganz oben herab, bis sein Auge, so groß wie eine Laterne, sich auf gleicher Höhe mit meinem befand. In der Iris des Biestes zeigten sich alle wechselnden Farben des Himmels: erst Blau, dann Grau, dann Orange, dann Nachtschwarz.

Etwas wie Erkennen blitzte in mir auf, und trotz Jaos Warnung verspürte ich ein Zucken in meiner Kehle und meiner Brust und den Wunsch zu sprechen. Jao sah mich von der Seite an und drückte fragend meine Hand. Als Antwort drückte ich seine ebenfalls. Ja. Schon gut. Ich komme klar.

Doch das war eine Lüge. Mir ging es gar nicht gut. Ich hatte das Gefühl, als könne ich nicht atmen, als ob der Raum zu groß und gleichzeitig zu klein wäre. Ich hatte das Gefühl, als wartete der Drachen und als wartete auch ich, als wartete die ganze Welt …

„Hallo“, flüsterte ich. Jaos Kopf fuhr nach oben, und er sah mich erschrocken an.

Der Große Drache blinzelte langsam. Orangefarbene Augen, dann Marineblau, dann Grau, dann Taubenblau. Der Wechsel der Farben machte mich schwindlig.

„Hallo“, wiederholte ich. „Weißt du, wer ich bin?“

Ein leises, tiefes Grollen durchlief den Drachen. Ich spürte die Vibrationen wie ein kleines Erdbeben von seiner Brust bis in seine Krallenspitzen ausstrahlen und sich über den Fußboden bis in meine Fußsohlen ausbreiten.

Meine Hand riss sich aus Jaos, ich wurde zurückgeschleudert und prallte gegen die Tür des Gebäudes. Es war, als hätte sich die Wolke aus Magie im Raum zu einer Form zusammengeballt, zu einem gigantischen, brodelnden Bewusstsein, das mit meinem kollidierte. Es grub sich tief in meine Gedanken und füllte meinen Kopf mit einem so intensiven Druck, dass ich die Augen schließen musste. Aber ich fühlte, wie mich der Drache immer noch anstarrte, und konnte dem nicht entkommen: Ich öffnete die Augen wieder. Der Shadow Dragon sah mich an, und das Gewicht seiner Gedanken hielt mich an der Wand fest, das kalte, forschende Bewusstsein grub sich tiefer und tiefer in mein Gehirn.

Jao kam langsam auf mich zu, er bewegte sich so, als ob er durch tiefes, schlammiges Wasser waten musste. Ich sah, wie sich sein Mund bewegte, wie sich seine Lippen in einer entsetzten Grimasse verzogen. Er streckte die Hand aus und wieder spürte ich seine Frage mehr, als dass ich sie hörte: Kannst du mich erreichen?

Wieder war die Antwort eine Lüge. Nein, ich kann dich nicht erreichen. Aber wenn ich es versucht hätte, hätte ich seine Hand nehmen können. Nur wollte ich mich gar nicht bewegen.

Der Große Drache zog leicht den Kopf zurück, nur ganz wenig, sodass ich ihm richtig ins Gesicht sehen konnte – in dieses starke, fremdartige Gesicht.

„Was willst du von mir?“, fragte ich. Es war kaum mehr als ein Flüstern, aber ich wusste, dass mich der Drache gehört hatte. Mehr noch, er hatte mich verstanden.

Dann sprach der Drache. Er antwortete nicht auf meine Frage, er stellte mir selber eine, mit einer wilden, rauen Stimme, einer Stimme, wie man sie von einem Blitz erwarten würde – und die Frage brannte sich direkt in mein Gehirn.

„Wer hat die Macht, kleine Kai?“, flüsterte der Shadow Dragon in meinem Kopf. „Der, der auf dem Thron sitzt, oder der, der das Schwert hält?“

Ich stieß einen heiseren Schrei aus und schloss die Augen. Und ganz plötzlich verschwand die Spannung, die mich gegen die Wand gepresst hielt. Ich stürzte zu Boden.

Ich war so durcheinander, als hätte mich jemand durchgeschüttelt. Tränen liefen mir über das Gesicht, doch ich wusste nicht, warum. Ich war nicht traurig – ich hatte Angst, furchtbare Angst, doch hinter all der Angst spürte ich auch eine große Freude aufwallen. Ich hatte den Großen Drachen sprechen gehört, und das hatte mich wahrscheinlich verrückt gemacht, aber ich war die glücklichste Irre der Welt, denn diese Stimme gab mir das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein.